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Position der JHG-Leipzig zur Debatte über „Elite-Universitäten“
Die Juso-Hochschulgruppe (JHG) Leipzig lehnt die Pläne der Bundesregierung und der Wissenschaftsminister der Länder zur Einrichtung sogenannter „Elite-Universitäten“ entschieden ab. Nicht nur die Rehabilitierung eines undemokratischen Eliten-Diskurses, sondern auch die konkreten Auswirkungen dieses Projekts sind untragbar. „Elite-Unis“ schaffen die Voraussetzung zur Spaltung des Hochschulsystems und bahnen den Weg für weitere regressive Maßnahmen wie Studiengebühren und/oder Hochschulprivatisierungen. Statt der Zwei-Klassen-Gesellschaft bildungspolitisch Vorschub zu leisten, sollten die zusätzlichen Gelder in progressive Reformen investiert werden, die allen Hochschulen und damit breiten Schichten der Bevölkerung zugute kommen anstelle weniger elitärer Kreise.
Elitenbildung als Ausgrenzungsprozess
Begriffe wie „Spitzen-“ oder „Eliteuniversitäten“ stellen den Versuch dar, die sich zunehmend verstärkenden Ungleichheitstendenzen im Bildungsbereich zu legitimieren. Dem Druck nach vermeintlichen Innovationen folgend, greift die SPD-Bundesregierung damit ein konservatives Begriffsfeld auf, das berechtigterweise im demokratischen Diskurs weitgehend diskreditiert ist. Der Elitebegriff bezeichnet das Ergebnis eines verschärften Verdrängungsprozesses, der von ungleichen Startpositionen ausgehend vorhersehbare Ergebnisse liefert, die schließlich auch zur eigenen Rechtfertigung dienen: Wer Elite will, wird Elite bekommen – nicht höherer Leistung wegen, sondern durch Ausgrenzung und Abwertung der anderen. Dies kann nicht Ziel sozialdemokratischer Politik sein!
Qualitätsverschlechterung vorhersehbar
Die Einführung von „Elite-Universitäten“ würde eine Abkehr vom bisherigen System der relativ gleichwertigen Mittelzuteilung auf alle Hochschulen bedeuten. Folge dieser Entwicklung wäre eine fortschreitende Qualitätsverschlechterung der vorhandenen Hochschulen. Trotz gegenteiliger Behauptungen der zuständigen PolitikerInnen bliebe die Förderung der „Breite“ keineswegs unberührt von der Einrichtung elitärer Universitäten: Neben fehlenden Drittmitteln (die aus Prestigegründen größtenteils an „Elite-Unis“ fließen werden) wäre der Anreiz des Staates, „normalen“ Hochschulen höhere Finanzmittel zur Verfügung zu stellen, äußerst gering: Eine sich wechselseitig verstärkende Abwärtsspirale wäre die Folge, die zu einer Zwei-Klassen-Hochschullandschaft führte. Der vielgerühmte Wettbewerb unter den Hochschulen ist daher ein fragwürdiger Prozess mit von vornherein feststehenden Siegerinnen: Den „Elite-Unis“.
Soziale Abschließungsprozesse: Die Eliten unter sich
Auch der Zugang zu „Elite-Unis“ stünde nicht Jedem/r offen: Schon heute determiniert die soziale Herkunft in hohem Maße die Chancen auf Erfolge im Bildungssystem. Wie die neueste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks wieder anschaulich beweist, gelangen Kinder aus niedrigeren sozialen Herkunftsschichten auffallend selten an die Universitäten. Mit „Elite-Universitäten“ würde sich dieser Trend noch verschärfen: Wie die Situation in den USA oder Frankreich zeigt, versammelt sich an „Elite-Unis“ fast ausschließlich der Nachwuchs der gebildeten und vermögenden Schichten. Ebenso in Deutschland: Neben den angekündigten hohen Verwaltungsgebühren für die kostspieligen Auswahlverfahren benachteiligt die Struktur der Aufnahmetests BewerberInnen aus niedrigeren Herkunftsschichten. Gesucht werden Studierende, deren habituelle Grundhaltung den (teils unbewussten) Erwartungshaltungen der ProfessorInnen entspricht: Elite kooptiert Elite, die Spitzeninstitutionen schotten sich sozial ab.
„Elite-Universitäten“ als Anfang vom Ende des Projekts „Bildung als Menschenrecht“
All diese Nachteile sprechen auch dann gegen die Einrichtung von „Elite-Unis“, wenn die sonstigen Rahmenbedingungen im deutschen Hochschulsystem unverändert blieben. Dies zu erwarten wäre allerdings naiv. Die Einführung von Studiengebühren und die schrittweise Privatisierung der Hochschullandschaft wäre eine fast zwangsläufige Folge. Mit Ausnahme der Bundesbildungsministerin Bulmahn erheben alle weiteren BefürworterInnen des „Elite-Uni“-Projekts, allen voran die Oppositionsparteien CDU/CSU und FDP, die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), diese Forderungen. Die Folgen sind vorhersehbar: Studierende aus niedrigen sozialen Herkunftsschichten werden noch stärker als bisher von einem Studium abgehalten, die Anzahl der AkademikerInnen geht insgesamt zurück (obwohl das Gegenteil gesellschaftlich wünschenswert wäre), ganze Generationen junger Menschen starten mit der Last eines Schuldenberges in eine zunehmend unsicherer werdende Arbeitswelt (Studiengebühren als „Familiengründungs-Verhinderungsgebühr“). Dazu kommt der durch eine Privatisierung der Hochschulen bewirkte „Rationalisierungsdruck“, der weniger lukrative Wissenschaftsdisziplinen zunehmend an den Rand drängt und die Universitäten dazu zwingt, weitere Finanzierungsquellen zu erschließen; die Erhöhung der Studiengebühren sind hierbei der wahrscheinlichste Fall (so geschehen vor kurzem in England). Auch in dieser Hinsicht spielen die „Elite-Unis“ wieder eine Sonderrolle: Sie werden zunehmend gezwungen, ihr Angebot auf wenige (im Berufsleben gewinnträchtige) Fächer zu konzentrieren , dafür horrende Gebühren zu verlangen und möglichst gezielt diejenigen Studierenden auszuwählen, deren Eltern neben den Gebühren auch Spenden finanzieren könnten. Schon durch die Logik des Wettbewerbs wäre es also für „Elite-Unis“ kaum möglich, Studierende aus sozial schwachen Familien aufzunehmen.
Dies zeigt, dass das „Elite-Uni“-Projekt langfristig auf eine für den Staat kostenneutrale Verlagerung der Bildungsausgaben auf die Schultern Privater hinausläuft und dabei eine institutionelle Separierung von Bildungschancen begünstigt wird. Studierende aus niedrigen sozialen Herkunftsschichten werden, sofern sie überhaupt noch studieren, auf die „normalen“ Unis verwiesen, welche ihnen weniger Lebenschancen eröffnen. Dieser strukturelle Effekt wiederum würde über Generationen hinweg eine Quasi-Vererbung bestimmter Lebenschancen mit Hilfe eines elitären Bildungssystems bedeuten. All diese Auswirkungen sind in Ländern mit einem System ausgeprägter „Elite-Universitäten“ schon jetzt zu beobachten.
Kurzum: Der Einstieg in die Elitenförderung wäre der Anfang vom Ende des sozialdemokratischen Projekts „Bildung als Menschenrecht“. Daneben bedeutete dies, gerade in einem Zeitalter der zunehmenden Wichtigkeit von Wissen, die Verfestigung strukturell asymmetrische Bildungschancen.
Verantwortungsbereitschaft des Staates nutzen
Dennoch zeigt die Bereitstellung zusätzlicher Finanzmittel die Bereitschaft des Staates, seiner Verantwortung im Hochschulbereich gerecht zu werden. Die monatelangen Studierendenproteste haben offenbar die Einsicht der Bundes- und Landesregierungen befördert, dass Bildungsausgaben Investitionen in die Zukunft darstellen. Wir begrüßen diese Abkehr von der technokratischen Sachzwang-Ideologie ausdrücklich und fordern, die vorhandenen Gelder für progressive Bildungsreformen zu verwenden. Diese sollen in die Ausfinanzierung der bestehenden Hochschullandschaft, den Ausbau universitärer Infrastruktur (Bibliotheken, Rechenzentren usw.) und den sozialen Leistungen der Studentenwerke sowie in die Gestaltung der neuen Studiengänge fließen. Daneben muss das Problem der sozialen Selektivität unseres Bildungssystems endlich aktiv angegangen werden. Neben dringend erforderlichen Reformen im schulischen Bereich setzen wir uns daher nach wie vor für ein elternunabhängiges BAföG ein.
Gute Bildung für alle!
Der Wille zur Reform im Hochschulsystem ist also notwendig und richtig. Nur muss dabei das richtige Ziel anvisiert werden. Der Ruf nach elitenbildenden Strukturen im Hochschulsystem verkennt die tatsächliche Problemlage und orientiert sich am Bildungsideal vergangener Zeiten, in denen ein Hochschulstudium das Privileg weniger war. Dagegen stellen wir den Anspruch, qualitativ hochwertige Bildung für alle Mitglieder der Gesellschaft zu verwirklichen.







